Nominierung für den Kurd-Laßwitz-Preis 2015

Riesen­freude: “Das wahre Wesen der Dinge” von Ted Chi­ang ist in der Kat­e­gorie “Beste Über­set­zung” für den
Kurd-Laßwitz-Preis nominiert! Ich freue mich Chiang-Wesen_408natür­lich über die Anerken­nung (klar), aber auch darüber, dass dieser großar­tige Autor hof­fentlich wieder neue Leser gewin­nen wird. Chi­ang zu über­set­zen war für mich ein­deutig das beru­fliche High­light des Jahres 2013, aber auch eine Her­aus­forderung — ein­mal, was die Recherche anging (schein­bar müh­e­los bewegt sich der Autor durch die ver­schieden­sten Wis­sens­ge­bi­ete), zweit­ens in sprach­lich­er Hin­sicht — Chi­ang schreibt sehr dicht, sehr präzise, jed­er Satz sitzt, kein Wort ist zu viel oder zu wenig, und das sollte dann möglichst auch im Deutschen so sein.

Jede Erzäh­lung nimmt sich eine Idee vor und ver­fol­gt diese mit äußer­ster Kon­se­quenz. Manch­mal braucht Chi­ang dafür nur wenige Seit­en, etwa wenn er die Reak­tion von Men­schen beschreibt, denen ein neuar­tiges Gerät die Illu­sion des freien Wil­lens nimmt, in einem anderen Fall wird eine Nov­el­le daraus — wenn es um die Entwick­lung dig­i­taler Wesen und deren Zusam­men­leben mit den Men­schen geht. Ich liebe Chi­angs Erzäh­lun­gen aber nicht nur wegen ihrer erzäh­lerischen Bril­lanz, son­dern wegen ihrer zutief­st human­is­tis­chen Grund­hal­tung. Immer ste­ht hier der Men­sch im Mit­telpunkt, entsprechend sucht man reines Tech­nob­a­bbel hier verge­blich, so vir­tu­os der Autor den Sci­ence-Anteil sein­er Geschicht­en auch beherrscht.

Hier eine Lieblingsstelle von mir, die sich in der eben erwäh­n­ten Nov­el­le “Der Leben­szyk­lus von Soft­ware­ob­jek­ten” find­et. Die Pro­tag­o­nistin Ana ist ger­ade mit einem Geschäftsvorschlag gescheit­ert, der den Leben­sraum ihrer geliebten “Digis”, der von ihr mit entwick­el­ten und aufge­zo­ge­nen Soft­ware-Wesen, erweit­ern würde, und kommt zu ein­er Ein­sicht:

Am lieb­sten würde sie ihnen sagen, dass Blue Gam­ma damals richtig lag, sog­ar mehr, als der Fir­ma damals selb­st bewusst war: Erfahrung ist nicht nur die beste Lehrerin, son­dern auch die einzige. Wenn Ana durch Jax über­haupt etwas gel­ernt hat, dann ist es die Tat­sache, dass es keine Abkürzun­gen gibt; wenn man Ver­stand her­vor­brin­gen möchte, wie er sich entwick­elt, wenn man zwanzig Jahre auf der Welt lebt, muss man dieser Auf­gabe zwanzig Jahre wid­men. In ein­er kürz­eren Zeit kann man keine entsprechende Samm­lung von Heuris­tik zusam­men­brin­gen; Erfahrung lässt sich nicht durch einen Algo­rith­mus kom­prim­ieren.

Und es wäre zwar möglich, all diese Erfahrung abzus­pe­ich­ern und sie unendlich oft zu kopieren, es wäre möglich, die Kopi­en bil­lig zu verkaufen oder sie gratis weit­erzugeben, doch jedes der so pro­duzierten Digis hätte den­noch ein ganzes Leben lang gelebt. Jedes von ihnen hätte die Welt einst mit neuen Augen gese­hen, bei jedem hät­ten sich Hoff­nun­gen erfüllt oder zer­schla­gen, jedes hätte die Erfahrung gemacht, zu lügen und angel­o­gen zu wer­den.
Und deshalb würde jedem ein gewiss­er Respekt gebühren, ein Respekt, den zu gewähren Expo­nen­tial sich nicht leis­ten kann.
Ana untern­immt einen let­zten Ver­such. »Diese Digis wären doch immer­hin als Angestellte rentabel. Sie kön­nten …«
Pear­son schüt­telt den Kopf. »Ihre Absicht­en sind lobenswert, und ich wün­sche Ihnen dabei alles Gute, aber für Expo­nen­tial ist das nicht das Richtige. Wenn es sich bei diesen Digis um Pro­duk­te han­deln würde, wäre der mögliche Nutzen das Risiko vielle­icht wert. Aber wenn sie am Ende nur Angestellte sind, sieht es anders aus; bei ein­er so gerin­gen Ren­dite kön­nten wir eine der­ar­tige Investi­tion nicht recht­fer­ti­gen.«
Natür­lich nicht, denkt Ana. Wer kön­nte das schon? Nur ein Fanatik­er – jemand, den die Liebe antreibt. Jemand wie sie selb­st.

Übri­gens: Meine lieb­ste Geschichte von Chi­ang, “Geschichte deines Lebens”, wird derzeit mit großem Bud­get unter der Regie von Denis Vil­leneuve (“Pris­on­ers”) ver­filmt; Amy Adams spielt darin die Lin­guistin Louise Banks. Es ist eine Erstkon­takt-Geschichte, die in viel­er Hin­sicht einzi­gar­tig ist: Erzählt wird in der 2. Per­son, und zwar rück­wärts, wobei am Ende klar wird, dass das zeitliche Erleben der Ich-Erzäh­lerin sich durch die Begeg­nung mit den Außerirdis­chen grundle­gend verän­dert hat. Ger­ade diese Erzäh­lung kann ich mir wegen ihrer Beson­der­heit­en nur schw­er auf der Lein­wand vorstellen, ohne dass Wesentlich­es ver­loren geht. Umso ges­pan­nter bin ich, was Mon­sieur Vil­leneuve daraus macht.

Enthal­ten ist diese wun­der­volle Geschichte im ersten Band “Die Hölle ist die Abwe­sen­heit Gottes”, eben­falls im Golkon­da Ver­lag erschienen und exzel­lent über­set­zt von molosovsky.

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